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Vortragsabend
zum Thema
Libyen nach Gaddafi -
Staatszerfall oder
Staatsbildung?
Referent:

Wolfram
Lacher M.Sc.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Stiftung Wissenschaft und
Politik (SWP), Berlin
am
Donnerstag, 01. Dezember 2011, 19:30 Uhr
im EWE –
Kundencenter
Marktstr. 20
(rückwärtiger Eingang), Bremervörde
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Pressebericht

vom 06.12.2011
„Ein
neuer Staat aus dem Nichts“
Wolfram Lacher über die aktuelle Situation in Libyen
VON ARANKA SZABÓ
Bremervörde.
In
seiner letzten Veranstaltung der diesjährigen Vortragsreihe hat die
Gesellschaft für Wehr- und Sicherheitspolitik, zusammen mit dem
Reservistenverband, Politikwissenschaftler Wolfram Lacher ins
EWE-Center eingeladen.

Der Experte für
Nahost bei der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin
referierte über die
aktuelle Lage in Libyen
„Wo die Entwicklung hingeht,
ist völlig offen“, beschrieb Lacher zusammenfassend die Situation in
Libyen und erklärte dem Publikum die verschiedenen Interessengruppen,
die derzeit am politischen Prozess beteiligt sind. Dazu beschrieb er
das Bild, das sich ihm vor wenigen Wochen in Libyen bot. Weniger
Polizei und staatliches Militär, sondern bewaffnete Milizen
kontrollierten die Straßen und selbst den Flughafen. Eine
Verkehrsregelung fände nicht statt und auch die Verwaltung
funktioniere nicht, sie habe kaum finanzielle Mittel zur Verfügung.
Dennoch, sagte Lacher, „läuft es erstaunlich gut.“ Die Menschen nähmen
die Situation derzeit gelassen hin, die Cafés seien gefüllt und auch
die Geschäfte hätten geöffnet.
Der Wissenschaftler beschrieb
den Unterschied der Revolution in Libyen mit den Aufständen in den
benachbarten Ländern. „Zunächst sah der Verlauf ähnlich den anderen
Aufständen aus“, so Lacher. Sehr schnell wäre es von Seiten des
Gaddafi-Regimes und der Aufständischen gewaltsam vorgegangen. Die
Regierung habe „völlig ungehemmt“ gehandelt. Auch die Institutionen
brachen auseinander, darunter auch das Militär, von denen viele,
beginnend im Nordosten des Landes, zu den Aufständischen übergelaufen
wären.
Die Revolutionäre hätten in
den ersten Tagen und Wochen aus jungen Männern bestanden, die
unterbeschäftigt oder arbeitslos gewesen seien. Parteien und
Organisationen spielten anfangs keine Rolle, betonte Lacher. An die
Spitze stellten sich ehemalige Mitglieder des Gaddafi-Regimes und aus
dem Exil kommende Anhänger der Monarchie der 50er und 60er Jahre. Aus
ihnen bilde sich der vorübergehende Nationale Sicherheitsrat, der
wenig Anerkennung im Land fände und „faktisch nichts zu sagen hat“.
Stattdessen gewännen revolutionäre Brigaden an Bedeutung, die ihre
Mitglieder weitgehend aus der Zivilbevölkerung rekrutierten und deren
Loyalität zunächst der jeweiligen Stadt oder ihrem Stamm gelte. Über
100 Brigaden hätten sich, so Lacher, seit August in Tripolis etabliert
und führten einen Machtkampf um die Vorherrschaft in der Stadt.
Zunehmend verlangten auch die Brigaden ein Mitspracherecht in der
Regierung.
Ende November wurde die erste
Übergangsregierung gebildet. Mitglieder aus den wichtigsten Städten
der Revolution seien vorrangig daran beteiligt. Ende Juli 2012 soll
die Generalversammlung gewählt werden. Acht Monate später sollen dann
Wahlen stattfinden. Innerhalb dieser Zeit müsse eine Verfassung
erarbeitet werden. „Ein extrem knapper Zeitplan“, sagte Lacher, „einen
neuen Staat aus dem Nichts aufzubauen“. Es gäbe noch keine Verfassung,
keine Wahlkreise oder Wahlregister und auch die Gewichtung der
Generalversammlung sei unklar. Parteien oder organisierte Bewegungen
bildeten sich erst jetzt, erklärte der Experte, und es sei schwierig
zu sagen, wie die Lager aussähen werden. Eine Regierungsbeteiligung
sei allerdings für Budgetentscheidungen wichtig, da die Einnahmen aus
der Erdölproduktion an den Staat gingen. Islamische Extremisten
spielten kaum eine Rolle, erklärte Lacher, jedoch aber konservative
Kräfte.
Streitfrage in der
Regierungsbildung sei, ob der Staat zentralistisch oder föderalistisch
geführt werden solle. Auch die Frage, welches Islamverständnis der
Verfassung zugrunde liegen solle, sei noch ungeklärt. Welche Rolle
ehemalige Regierungsfunktionäre spielen dürften und wie die Verbrechen
des Regimes behandelt werden sollten, wäre strittig, ebenso wie die
Frage, ab welchem Dienstgrad Verbrechen geahndet werden sollten.
Exilanten forderten ihre konfiszierten Grundstücke zurück. Auch hier
sei unklar, wie die Eigentumsverhältnisse geklärt werden sollten.
„Es geht zunächst nicht um
Demokratisierung, sondern um die Stabilisierung der Sicherheitslage
und den Aufbau eines neuen Staates“, lautete das Fazit von Wolfram
Lacher.
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