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Vortragsabend
zum Thema
Ägypten nach Mubarak -
Perspektiven und Probleme des
Übergangs
Referent:

Dr. Stephan Roll
Post - Doc -
Stipendiat,
Stiftung
Wissenschaft und Politik (SWP), Berlin
am Mittwoch,
15. Februar 2012, 19:30 Uhr
im EWE –
Kundencenter
Marktstr. 20
(rückwärtiger Eingang), Bremervörde
*****
Pressebericht

vom 19.02.2012
„Der
Geist der Freiheit“
Dr.
Stephan Roll referierte über „Ägypten nach Mubarak“
Von Aranka Szabó
Bremervörde. Der
Staat Ägypten spielt politisch wie religiös eine zentrale Rolle in den
arabischen Staaten. Er galt bis zum Sturz von Staatspräsident Mubarak
als Garant für Sicherheit in der Region. Die Meldungen der letzten
Wochen aus dem Land klangen jedoch wenig vielversprechend im Hinblick
auf eine friedliche Entwicklung.
Der
Islamwissenschaftler Dr. Stephan Roll informierte über die
„Perspektiven und Probleme des Übergangs“. Ihn hatte die Gesellschaft
für Wehr- und Sicherheitspolitik, Sektion Bremervörde- Zeven, unter
der Leitung von Werner Hinrichs, ins EWE-Kundencenter eingeladen.
Ägypten „ist ein richtiger
großer Brocken“, erklärte der Wissenschaftler an der „Stiftung
Wissenschaft und Politik“ in Berlin zu Beginn seines Vortrages. Als
bevölkerungsreichstes Land der Region sei es aufgrund seiner Lage
strategisch von großer Bedeutung. Der Suezkanal, wichtigster
Schifffahrtstransportweg von Europa nach Asien, liegt direkt an
Ägypten. Seit dem Camp-David-Abkommen stehe Ägypten für Stabilität in
der Region und sei zudem ein wichtiger Verbündeter des Westens
gewesen. Hinzu käme die „Ausstrahlung“, die das Land für andere
islamische Staaten habe. Die Al-Azhar-Universität in Kairo gelte in
der islamischen Welt als renommierteste islamische Schule. Ihre
theologische Entwicklung beeinflusse die gesamte islamische Welt.
Deshalb schauten alle arabischen Staaten auf den aktuellen
Transformationsprozess. Ihr Erfolg habe Auswirkungen auf sie alle.
Die erfolgreiche tunesische
Revolution und ein im Internet kursierendes Foto eines vom ägyptischen
Staatssicherheitsdienst zu Tode geprügelten jungen Ägypter führte am
25. Januar 2011 dazu, „dass alle Dämme brachen“. Das „Aufbegehren der
Jugend“, die zwischen 25 und 40 Jahre alt gewesen sei, habe, so Roll,
seinen Anfang im sozialen Netzwerk Facebook genommen, wo sich
innerhalb weniger Tage Tausende zu Gruppen zusammengeschlossen hatten.
Weiter wäre wohl die „desaströse Wirtschaftslage“, die weit
verbreitete Armut und die extrem hohe Arbeitslosigkeit der 25- bis
40-Jährigen Ursache für ein „hohes Frustrationspotential“ gewesen.
Auch sei die politische Elite des Landes zerrüttet gewesen. Es zeigten
sich schon bei den Parlamentswahlen im Jahr 2010 „Risse im
Herrschaftssystem“. Ob der Aufstand eine Revolte oder Revolution
gewesen ist, ließ Roll offen. Schnell habe das Militär, das sich
weigerte auf Demonstranten zu schießen, die Macht übernommen, mit dem
Ziel, ein neues politisches System aus dem bestehenden heraus
entstehen zu lassen. Das neu gewählte Parlament soll eine
Verfassungsänderung erarbeiten und entscheiden, „wie es weitergeht“.
„Ein bisschen Revolution“
zeigte sich, so Roll, durch die neuen politischen Mitspieler,
vorrangig die Muslimbrüder und Salafisten. Die Unter- und Oberkammer
des neuen Parlaments ist nun gewählt, und im Mai soll ein neuer
Präsident sein Amt übernehmen. Im März beginne hierfür die Aufstellung
der Kandidaten. Man könne jedoch Zweifel daran haben, dass das Militär
der Politik die weitere Entwicklung überlässt, meinte Roll, weil hohe
Militärs durchaus eine gerichtliche Verfolgung unter einer
Zivilregierung fürchten müssten und das Militär in Ägypten eine
Wirtschaftsmacht sei, die zwischen zehn und 35 Prozent des
Bruttoinlandsprodukts erzeuge. „Den Geist der Freiheit zurück in die
Flasche zu korken, ist schwer“, meinte jedoch auch der
Wissenschaftler. So glaubt er, dass, wenn das hohe Militär
altersbedingt ausscheide, sich spätestens eine Parteiendemokratie
durchsetzen werde.
Welche Rolle die islamischen
Gruppen im neuen Ägypten spielen werden, sei unklar. Roll gab an, dass
die Bundesregierung und die sie beratene Stiftung „überhaupt nichts
über sie wissen“. „Nicht einmal deren Telefonnummern“, sagte Roll. Im
Mittelpunkt der islamischen Gruppen stände die Ashar. Die
Muslimbrüder, die großen Zuspruch in der Bevölkerung haben, stünden
für eine moderne Wirtschaft und eine zivile Regierung in einem
islamischen Rahmen, während die Salafisten einen
islamisch-fundamentalistischen Staat zum Ziel hätten. „Für uns ganz
erstaunlich“ sei bei den ehemals apolitischen und heterogenen
Salafisten der schnelle Aufbau einer homogenen Organisationsstruktur
gewesen. Weiterer islamischer Akteur seien die Sufis, eine
volkstümliche islamische Gruppierung. Zentrale Herausforderungen der
neuen Regierung seien der Aufbau einer funktionierenden politischen
Institution, ob Parlaments- oder Präsidialsystem, und der Umbau des
Staatssicherheitsapparats mit mehr als 1 Million Mitarbeitern.
Außerdem das Verhältnis zu Israel und der drohende Staatsbankrott Ende
2012.
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