Vortrag: „Ägypten nach
Mubarak“
Von Theo Bick
Bremervörde. Am Mittwoch, 15.
Februar, hat Dr. Stephan Roll von der Stiftung Wissenschaft und
Politik aus Berlin einen Vortrag zum Thema: „Ägypten nach
Mubarak – Perspektiven und Probleme des Übergangs“, gehalten.
Auf Einladung der örtlichen Abteilung der Gesellschaft für Wehr-
und Sicherheitspolitik (GfW) kamen etwa 80 Interessierte in das
Kundencenter der EWE in Bremervörde um sich über die Lage im
revolutionären Ägypten und dessen Nachbarländern informieren zu
lassen.

Dicht
gedrängt sitzen die Zuhörer im EWE Kundencenter in Erwartung
des Vortrags über Ägypten.
Bevor es losgehen
konnte, mussten aufgrund des großen Besucherandrangs, jedoch
noch weitere Stühle herangeschafft werden. Auch die Technik
machte kurzeitig Ärger. Ein neuer Laptop wurde allerdings
schnell herbeigeschafft worden.
Der Vorsitzende des
Landesverbandes II der GfW, Werner Hinrichs, begrüßte die
Anwesenden. Auch eine Abteilung Fallschirmjäger aus Seedorf
gehörte zu den geladenen Gästen des Abends. Hinrichs betonte wie
wichtig die Aufgabe der GfW sei, die Bevölkerung über
sicherheitspolitische Vorgänge zu informieren. Dieser Aufgabe
habe sich die GfW „seit mittlerweile sechs Jahrzehnten“
verschrieben, so Hinrichs. Zum Thema des Abends sagte er: „Die
ägyptische Revolution hat Chancen eröffnet, aber noch sind viele
Fragen ungeklärt“. Der Referent Dr. Stephan Roll konnte sich des
Interesses der Zuhörer somit sicher sein, als er vor das
Rednerpult trat, um sich eben dieser offenen Fragen in seinem
Vortrag anzunehmen.
Die wichtigste sei
„warum Ägypten für uns in Deutschland überhaupt wichtig ist “,
so der Experte, der sich bei mehreren Forschungssaufenthalten in
der arabischen Welt einen detaillierten Eindruck machen konnte.
Neben der großen Bevölkerungszahl und der strategisch wichtigen
Lage, sei besonders die Vorbildfunktion Ägyptens in der
Nahostregion ein zentraler Aspekt. „Eine eventuelle
Demokratisierung hätte enorme Auswirkungen“, schilderte Roll
seine Sicht der Dinge.
Der Hauptgrund für den
endgültigen Ausbruch der Massenproteste am 25. Januar 2011 gegen
den damaligen Präsidenten Husni Mubarak sei die enorme
Perspektivlosigkeit der Bevölkerung zwischen 25 und 40 Jahren.
Diese Bevölkerungsschicht war laut Roll Hauptträger der
revolutionären Proteste. Nicht zu unterschätzen sei auch die
Rolle der neuen Medien gewesen. So hätten beispielsweise soziale
Netzwerke wie Facebook und Twitter die Kommunikation der
Regimegegner untereinander erheblich erleichtert.
Doch auch andere
Faktoren hätten zur Absetzung des ungeliebten Präsidenten
geführt. Roll nannte die „ Zerrüttung der politischen Eliten des
Landes“ und die „desaströse wirtschaftliche Situation“ als
weitere Erklärungsansätze. Die hohe Arbeitslosenquote – gerade
bei jungen Ägyptern – stützt diese These.
Für die zukünftige
Entwicklung des Landes am Nil hat Roll zwei zentrale „Figuren“
ausgemacht. Die in Deutschland häufig genannte
„Muslimbruderschaft“ – eine nach Roll „moderat islamistische“
Gruppierung – genieße ein besonders hohes Ansehen in der
ägyptischen Bevölkerung. Bei dem mit Abstand wichtigsten
Machtfaktor handele es sich allerdings um den Militärrat, dem
„Supreme Council of Armed Forces“ (SCAF), der die politische
Umgestaltung gelenkt habe. Dass sich SCAF aus der politischen
Verantwortung zurückziehe und die Macht einer zivilen Regierung
übertrage, wenn voraussichtlich im Mai ein neuer Ägyptischer
Staatspräsident gewählt wird, muss nach Rolls Meinung
angezweifelt werden.
In die Zukunft blickt
der Experte dennoch vorsichtig optimistisch. Die Augen vor den
vielen ungelösten Problemen verschließen dürfe man dennoch
nicht. „Es gibt eine Vielzahl von Herausforderungen in der nahen
Zukunft“, so Roll. „Der Umbau des Staatssicherheitsapparates,
die Aufarbeitung der Korruption, der Aufbau eines
funktionierenden politischen Systems sowie die Ankurbelung der
Wirtschaft und die Bekämpfung der Armut“, zählt er die
bevorstehenden Aufgaben auf. Gelingt dies nicht, drohe laut
Expertenmeinungen Ende 2012 gar ein Staatsbankrott.
Damit hatte der Referent
den Zuhören mehr als ausreichend Diskussionsstoff geliefert,
sodass nach einer kurzen Pause eine lebhafte Diskussion zustande
kam. Werner Hinrichs übernahm die Moderation und leitete
zahlreiche Fragen an den Experten weiter.
Dessen professionelle
Meinung war speziell bei einer Gesamteinschätzung des
„Arabischen Frühlings“ sowie dem Status der Beziehungen Ägyptens
zu Israel gefragt.
Gegen 21.30 Uhr schloss
Werner Hinrichs die Veranstaltung und wies gleichzeitig auf den
nächsten GfW-Vortragsabend hin. Am 22. März hält die ehemalige
Bundestagsabgeordnete Ulrike Merten-Hamann einen Vortrag im
Bremervörder „Haus am See“ zum Thema „Deutsche
Sicherheitspolitik“.

Der GfW
Vorsitzende Werner Hinrichs (links) leitet die Fragen der
Gäste an den Nahostexperten Dr. Stephan Roll weiter. Fotos:
Bick