Nachschau - Veranstaltung am 27.11.2013

 

Vortragsabend

zum Thema

Abzug aus Afghanistan 2014 -

Ende oder Wende eines Albtraums?

Referent:

Dr. Reinhard Erös

Oberstarzt der Bundeswehr a.D.

und Leiter  der Kinderhilfe Afghanistan

am Mittwoch,  27. November  2013,  20:00 Uhr

im Kulturzentrum PFL, Vortragssaal

Peterstr. 23, 26121 Oldenburg

 




Homepage Altes Gymnasium Oldenburg

vom 22.12.2013

Als Barfußarzt in Afghanistan

Von Ludger Hillmann

Dr. Reinhard Erös berichtet vor Schülerinnen und Schüler über seine Arbeit unter den Taliban, Warlords und Drogenbaronen in Afghanistan und fordert eine stärkere „Kulturkompetenz“

Dr. Reinhard Erös spricht vor 200 Schülern des Alten Gymnasiums - Foto: Ludger Hillmann

Seit 1979 befindet sich Afghanistan ununterbrochen im Krieg. Damit dauert dieser Konflikt bereits länger als der 30jährige Krieg, der ganze Landstriche verheerte. Die Fähigkeit, Leid und Belastungen auszuhalten, sind geradezu einzigartig, stellte Dr. Reinhard Erös, Begründer der „Kinderhilfe – Afghanistan“ vor 200 Schülerinnen und Schüler verschiedener Innenstadtschulen in der Aula des Alten Gymnasiums Oldenburg fest.

Afghanistan steht vor einem Wandel

Bis zum Ende des nächsten Jahres soll die Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Sicherheitskräfte übergehen. Wie sieht dann die Zukunft dieses geschundenen Landes aus? Dr. Erös stellte dem militärischen Vorgehen der westlichen Welt ein schlechtes Zeugnis aus. Die über 700 Mrd. Dollar haben bisher zu keiner Befriedung des Landes beigetragen. Besonders die Ignoranz des Westens gegenüber der Stammeskultur und die über die Jahrtausende gewachsene Kultur der Konfliktlösung ruft bei ihm Verärgerung hervor. Dem militärischen Engagement stellt er die Notwendigkeit persönlicher Kontakte gegenüber, die erst über einen langen Zeitraum mit den Afghanen aufgebaut werden könnte. Sie sei aber für eine erfolgreiche Zusammenarbeit unabdingbar. In der westlichen Kultur stände die Funktionenkompetenz, das Denken in institutionellen Ordnungssystemen, im Vordergrund. Auf diese könne man sich aber aufgrund von Korruption und Ineffizienz in Afghanistan nicht verlassen, wenn sie überhaupt vorhanden sei. Die Ausbildung von Polizisten vor Ort durch deutsche Sicherheitskräfte sei u. a. daran gescheitert, dass das Personal bereits nach fünf Monaten ausgetauscht würde. Die für afghanische Verhältnisse so wichtigen persönlichen Kontakte konnten damit nicht aufgebaut werden. Ohne das Vertrauen in die Bevölkerung ließe sich aber kein Staat machen, betonte Erös und verwies darauf, dass monatlich dutzende Polizisten eines gewaltsamen Todes sterben würden und der Polizei von der Mehrheit der Bevölkerung als korrupt abgelehnt würde.
Erös betonte, dass Afghanistan keinesfalls ein „failed state“ sei, schließlich bestände das Land schon seit über 4.000 Jahren und selbst der seinerzeit so mächtigen UdSSR gelang es nicht, das Land zu erobern. Afghanistan gehöre auch zu den wenigen Staaten, die nie kolonialisiert wurden.

Afghanische Rechtsprechung
Der Staat entzöge sich immer wieder einer Beurteilung nach westlichen Maßstäben. Dies zeige sich besonders in der Rechtssprechung. Bei Vergehen erfolge die Urteilssprechung nicht vor unabhängigen Richtern, sondern vor Vertretern der Dorfgemeinschaft auf lokaler Ebene. Nach der Urteilssprechung bestände für die Opferfamilie die Möglichkeit, das Strafmaß zu senken. “Dies kann so aussehen, dass ein zum Tode Verurteilter 10 Kamele als Strafe zahlen und die unattraktivste Tochter der Opferfamilie heiraten müsse“, so Erös weiter.
Die Blutrache sei die entscheidende Pflicht eines jenes Afghanen, ohne diese verlöre jeder Mann sein Gesicht. Verluste von Familienangehörigen durch NATO-Einsätze führten deshalb unweigerlich zu Racheakten.

Obst statt Opium
Die Opiumproduktion stieg seit der Intervention der internationalen Kräfte von 180 t steil an. Allein im letzten Jahr wurde eine Rekordernte von 6.400 t Opium eingefahren. Daraus lassen sich 640 t Heroin herstellen.
Für Dr. Erös ist die Bildung und Ausbildung der Schlüssel gegen Fundamentalismus: “Die Menschen brauchten Bildung, Ausbildung und Jobs”. Sicherheit sei eine Frage der sozialen Verhältnisse und keine Frage der Polizei und des Militärs. Dr. Erös geht mit gutem Beispiel voran. Bisher hat er zusammen mit seiner Frau und seinen drei Söhnen 25 allgemeinbildende Schulen, 3 Berufsschulen und 12 Ausbildungszentren zugerichtet. Seit Mai 2011 wird an einer Universität gebaut, an der u. a. Journalismus, Germanistik und Landwirtschaft gelehrt werden soll.

Der Nationalsport
Was in Deutschland der Fußball ist, ist in Afghanistan „Buzhashi“, was übersetzt so viel heißt wie „Ziege-Ziehen“. Erös erklärt eindrucksvoll das Wesen des Spiels, bei dem sich zwei Mannschaften auch unter Einsatz von Peitschen um eine ausgestopfte Ziege kämpfen. Selbst bei schwersten Verletzungen kämpfen die Spieler weiter. Ein Umstand, der auch etwas über die Mentalität der Bevölkerung aussagt.

Rückkehr der Taliban nach dem Abzug?
Eine Rückkehr der Taliban nach dem Abzug der internationalen Schutztruppe sieht Erös nicht: „Die Taliban haben eine regionale Agenda. Sie wollen nicht Hamburg oder New York angreifen.“ Die Afghanen haben in der Zeit nach dem Abzug der Sowjettruppen in einer Phase totaler Anarchie gesehen, wozu die Menschen fähig sind. Sie haben in einer Phase darwingeleiteter Regellosigkeit die Taliban an die Regierung verholfen und erst später erkannt, welches Terrorregime sie in den Sattel gehoben hatten. Die Rückkehr der Taliban dürfte auch an der bildungs- und kulturfernen Politik dieser Absolventen der Koranschulen scheitern.
Einer internationalen Gefährdung stände auch der afghanische Islam entgegen, der seinem Wesen nach unpolitisch, nicht expansiv oder missionarisch, sondern friedlich und tolerant auch gegenüber anderen Religionen sei. Diesem dörflich-moderaten Volksislam stünde der saudi-arabischen Wahhabismus (Salafisten, Taliban, Al Quaida) gegenüber.
Gefahr ginge allerdings von den vielen Koranschulen aus, deren Absolventen als Taliban bezeichnet werden. Diese indoktrinierten und von arabischen Islamisten ausgebildeten Jugendlichen könnten langfristig eine Gefahr für die Stabilität des Landes darstellen.

Die Schülerinnen und Schüler bedankten sich mit einem langanhaltenden Beifall für den engagierten und kraftvollen Vortrag.

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